Gasversorgung im Winter: Niedrige Speicherstände werden zur Herausforderung

Die Gasversorgung im Winter rückt wieder stärker in den Fokus. Die europäischen und insbesondere die deutschen Gasspeicher sind für diese Jahreszeit ungewöhnlich niedrig gefüllt. Gleichzeitig erschweren hohe Gaspreise, der internationale Wettbewerb um Flüssigerdgas (LNG) und schwache wirtschaftliche Anreize für die Einspeicherung den Aufbau ausreichender Vorräte.

Eine akute Gefährdung der Gasversorgung zeichnet sich derzeit zwar nicht ab. Dennoch wird die Befüllung der Speicher bis zum Beginn der Heizperiode zunehmend anspruchsvoll. Entscheidend für die Gasversorgung im Winter 2026/27 dürfte deshalb sein, wie schnell die Speicher in den kommenden Wochen gefüllt werden können und zu welchen Preisen Europa genügend Gas auf dem Weltmarkt beschaffen kann.

Niedrige Speicherstände belasten die Gasversorgung im Winter

Anfang August waren die deutschen Gasspeicher deutlich niedriger gefüllt als im Vorjahr. Zum 4. August 2026 lag der Füllstand bei 48,5 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 62,1 Prozent. EU-weit lag der Speicherstand Anfang August bei 57,1 Prozent.

Damit befindet sich Deutschland vor einer anspruchsvollen Ausgangslage für die Gasversorgung im Winter. Zwar bleibt noch Zeit für weitere Einspeicherungen. Das aktuelle Tempo müsste dafür allerdings deutlich zulegen.

Bereits zu Beginn des Jahres hatten die niedrigen Speicherstände für Aufmerksamkeit gesorgt. Im Januar waren die deutschen Gasspeicher während der Heizperiode deutlich schwächer gefüllt als im Vorjahr. Eine akute Gasmangellage zeichnete sich damals zwar nicht ab, doch die Entwicklung zeigte bereits, wie wichtig ausreichende Reserven, stabile Gasimporte und LNG-Lieferungen für die Versorgungssicherheit sind. Wie sich die Situation im vergangenen Winter entwickelt hat, zeigt unser Blogbeitrag von Anfang des Jahres.

Beim derzeitigen Einspeichertempo von rund 0,1 Prozentpunkten pro Tag würden die deutschen Speicher laut einer Reichweitenprognose des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) zum 1. November lediglich einen Füllstand von rund 60 Prozent erreichen. Die Zielmarke liegt dagegen bei 70 Prozent.

Die Bundesnetzagentur bewertet die aktuelle Situation dennoch als stabil. Die Gasversorgung sei gewährleistet und die Gefahr einer angespannten Lage derzeit gering.

Für die Befüllung der deutschen Gasspeicher gelten zudem rechtliche Vorgaben. Die aktuelle Gasspeicherfüllstandsverordnung sieht für die meisten Speicher zum 1. November einen Füllstand von 80 Prozent vor. Für bestimmte Speicheranlagen gelten aufgrund ihrer technischen Eigenschaften und geografischen Lage abweichende Vorgaben. Die Regelungen sollen dazu beitragen, ausreichende Reserven für die Gasversorgung im Winter vorzuhalten.

Europa braucht deutlich mehr LNG

Nicht nur Deutschland steht vor dieser Herausforderung. Ende Juli waren die europäischen Gasspeicher Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) zufolge lediglich zu rund 55 Prozent beziehungsweise mit etwa 600 Terawattstunden gefüllt.

Um bis Anfang November einen Füllstand von 80 Prozent beziehungsweise rund 875 Terawattstunden zu erreichen, müssten innerhalb von knapp 100 Tagen weitere 275 Terawattstunden eingespeichert werden.

Bei gleichbleibenden Pipelineimporten wäre dafür mehr als eine Verdoppelung der aktuellen LNG-Anlandungen erforderlich.

Das Problem sind dabei weniger fehlende Importmöglichkeiten. Europa hat seine LNG-Infrastruktur in den vergangenen Jahren erheblich ausgebaut. Entscheidend ist vielmehr, ob genügend Flüssigerdgas auf dem Weltmarkt verfügbar ist und Europa die benötigten Mengen zu konkurrenzfähigen Preisen einkaufen kann.

Europa konkurriert insbesondere mit asiatischen Abnehmern um LNG-Lieferungen. Zahlen asiatische Käufer höhere Preise, können Tanker ihre Ladungen statt nach Europa nach Asien liefern. Damit hängt die Gasversorgung im Winter stärker als früher von Entwicklungen auf dem internationalen LNG-Markt ab.

Hohe Gaspreise erschweren die Befüllung

Eine weitere Herausforderung sind die wirtschaftlichen Bedingungen für die Speicherbefüllung. Normalerweise kaufen Händler Gas im Sommer zu niedrigeren Preisen ein, speichern es ein und verkaufen es während der Heizperiode zu höheren Preisen.

2026 funktioniert dieser Mechanismus nur eingeschränkt.

Ende Juli lag der Frontmonat August bei rund 56 Euro je Megawattstunde. Gleichzeitig war der sogenannte Sommer-Winter-Spread negativ: Gas für das dritte Quartal war teurer als Gas für das erste Quartal des kommenden Jahres.

Damit fehlt Marktteilnehmern ein wichtiger wirtschaftlicher Anreiz, Gas jetzt einzukaufen und für den Winter einzuspeichern.

Das führt zu einem Dilemma: Für eine komfortablere Gasversorgung im Winter wären höhere Speicherstände wünschenswert. Gleichzeitig sorgen die aktuellen Marktpreise nicht automatisch dafür, dass Händler die vorhandenen Speicherkapazitäten tatsächlich nutzen.

Das Analysehaus ICIS kommt zu dem Ergebnis, dass ein durchschnittlicher TTF-Preis von etwa 60 Euro je Megawattstunde zwischen August und Oktober erforderlich sein könnte, um ausreichend LNG nach Europa zu lenken und einen europäischen Speicherstand von 80 Prozent zu erreichen.

Was passiert, wenn die Speicherziele verfehlt werden?

Ein Verfehlen der Speicherziele bedeutet nicht automatisch eine Gasmangellage. Es würde jedoch den Sicherheitspuffer für die Gasversorgung im Winter verkleinern.

ICIS hat Szenarien berechnet, in denen Europa seine Speicherziele nicht erreicht. Bleibt das Einspeichertempo auf dem Niveau des zweiten Quartals, könnten die europäischen Speicher Anfang November lediglich zu rund 75 Prozent gefüllt sein.

Nach einem durchschnittlichen Winter könnten die Vorräte demnach auf etwa 25 Prozent sinken. Bei einem kalten Winter wären es nur noch rund 22 Prozent.

Das Problem könnte sich dadurch bis ins Jahr 2027 verschieben. Nach Berechnungen von ICIS wären nach einem normalen Winter zusätzliche LNG-Importe von 24 Terawattstunden erforderlich, um die Speicher wieder aufzufüllen. Nach einem kalten Winter könnten sogar 70 Terawattstunden zusätzlich benötigt werden.

Die Frage der Gasversorgung im Winter 2026/27 ist deshalb eng mit der Ausgangssituation für den darauffolgenden Winter verbunden.

Extrem kalter Winter bleibt das entscheidende Risiko

Trotz der niedrigen Speicherstände ist eine ausreichende Befüllung technisch weiterhin möglich. Nach Berechnungen der Initiative Energien Speichern (INES) kann Deutschland bis zum 1. November einen Füllstand von 76 Prozent erreichen – vorausgesetzt, die bereits gebuchten Speicherkapazitäten werden tatsächlich genutzt.

Bei einem normalen oder milden Winter würden diese Vorräte nach der Modellierung ausreichen.

Deutlich kritischer wäre ein außergewöhnlich kalter Winter. Für ein Szenario mit Temperaturen wie im Referenzjahr 2010 errechnet INES mögliche Unterdeckungen von bis zu neun Terawattstunden pro Monat im Februar und März 2027.

Wie kalt der kommende Winter tatsächlich wird, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht verlässlich prognostizieren.

Für die Gasversorgung im Winter kommt es deshalb nicht allein auf einen bestimmten Speicherfüllstand an. Temperaturen, Verbrauch, Pipelineimporte, verfügbare LNG-Mengen und die Entwicklung der internationalen Gaspreise spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.

Deutschlands Gasversorgung ist breiter aufgestellt

Anders als noch zu Beginn der Energiekrise ist die deutsche Gasversorgung inzwischen stärker diversifiziert. Deutschland erhält Gas unter anderem über Pipelines aus Norwegen und den Niederlanden sowie über LNG-Terminals. Hinzu kommen weitere europäische Importwege über Länder wie Frankreich und Belgien.

Ein niedriger Speicherstand bedeutet deshalb heute nicht automatisch, dass Deutschland im Winter zu wenig Gas zur Verfügung hat. Die Speicher sind vielmehr ein wichtiger Sicherheitspuffer innerhalb eines breiteren Versorgungssystems.

Gerade in längeren Kälteperioden gewinnen sie jedoch an Bedeutung. Dann steigt der Gasverbrauch, während gleichzeitig ausreichend Gas aus anderen Quellen verfügbar bleiben muss.

Je niedriger die Speicher zu Beginn der Heizperiode gefüllt sind, desto kleiner fällt dieser zusätzliche Puffer für die Gasversorgung im Winter aus.

Die geplante Gasreserve hilft im Winter 2026/27 noch nicht

Zusätzliche Sicherheit soll künftig eine strategische Gasreserve der Bundesregierung schaffen. Geplant ist derzeit ein Volumen von 24 Milliarden Kilowattstunden beziehungsweise 24 Terawattstunden. Das entspricht rund zehn Prozent der deutschen Speicherkapazität.

Für die Gasversorgung im Winter 2026/27 kommt diese Reserve allerdings zu spät.

Der Aufbau soll erst 2027 beginnen. Für den bevorstehenden Winter bleibt Deutschland daher auf die marktliche Befüllung der bestehenden Speicher sowie auf funktionierende Importwege angewiesen.

Damit dürfte auch die Diskussion darüber weitergehen, ob der Markt allein genügend Anreize für eine ausreichende Speicherbefüllung schafft oder ob zusätzliche staatliche Maßnahmen notwendig werden.

Gasversorgung im Winter: Die kommenden Wochen werden entscheidend

Die derzeit niedrigen Speicherstände sind noch kein Zeichen für eine unmittelbar bevorstehende Gasmangellage. Sie machen die Ausgangslage für die Gasversorgung im Winter aber anspruchsvoller.

Deutschland verfügt heute über deutlich vielfältigere Importmöglichkeiten als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig ist Europa stärker vom globalen LNG-Markt abhängig. Dort konkurrieren europäische Käufer unmittelbar mit anderen großen Verbrauchsregionen wie Asien.

Entscheidend wird deshalb sein, wie sich die Einspeicherung bis zum Herbst entwickelt. Steigt das Tempo deutlich, können die Speicher noch ein komfortableres Niveau erreichen. Bleibt die Befüllung dagegen schwach, startet Deutschland mit einem geringeren Sicherheitspuffer in die Heizperiode.

Für die Gasversorgung im Winter 2026/27 bedeutet das: Nicht allein der aktuelle Speicherstand entscheidet über die Versorgungssicherheit. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus Speicherfüllständen, LNG-Verfügbarkeit, Pipelineimporten, Gaspreisen, Verbrauch und letztlich auch dem Wetter.

Hendrik Fels

Geschäftsführer

Für Unternehmen geht es aktuell weniger um die Frage, ob im Winter genügend Gas vorhanden sein wird, sondern auch darum, zu welchen Preisen die benötigten Mengen beschafft werden können. Niedrige Speicherstände, der internationale Wettbewerb um LNG und die Entwicklung der Gaspreise zeigen, wie wichtig eine vorausschauende und flexible Energiebeschaffung bleibt.

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